Kulturzwiebel für Flüchtlingshelfer entblättert
Integration durch Weiterbildung auf beiden Seiten
Von Elke Lier

Gera. Die Überhöhung der eigenen Kultur führt schnell zur gefährlichen Abwertung der anderen, fremden. Dennoch dienen Stereotype und Klischees von anderen Nationen und Völkern, von denen keiner frei ist, einer Orientierung.
Zu fragen, was an ihnen wahr oder falsch ist, dieser Aufgabe stellte sich der Theologe, Politik- und Islamwissenschaftler Andreas Prell in einer Weiterbildungsveranstaltung vor rund 20 Mitgliedern des Geraer Freundeskreises für Flüchtlinge. Der gebürtige Geraer ist seit 2012 als Bildungsreferent zu interkulturellen und religiösen Fragen zu Integration und Dialogbegleitung unterwegs. In einer dreistündigen interaktiven Weiterbildungsveranstaltung im Gemeindezentrum G 26 versuchte er interkulturelle Kompetenz im Umgang mit Geflüchteten arabisch-islamischer Herkunft zu vermitteln. Trotz des freien Wochenendes war das Interesse der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer daran groß. Mehr als zwei Jahre nach der Ankunft von Menschen aus Syrien, Irak, Iran, Eritrea und Somalia mit guten Bleibegründen in Deutschland erleben die Ehrenamtlichen die Komplexität ihrer selbst übernommenen Aufgabe. Jede Hilfestellung dabei, das betonte auch Vereinschef Franz Beutel, werde dankbar angenommen. Sehr realitätsnah schilderten die Ehrenamtlichen ihre Arbeit, Freude, aber auch Missverständnisse und Enttäuschungen von Erwartungen auf beiden Seiten.
Gerade deshalb sei interkulturelle Kompetenz das Rüstzeug im Kontakt mit Fremden, helfe, Unterschiede und Gemeinsamkeiten wahrzunehmen, sie richtig zu bewerten und dementsprechend zu handeln, so der Referent.
Die Kultur eines jeden Volkes als begrenzendes Orientierungssystem befinde sich im stetigen Wandel, sei nicht statisch. Schon deshalb müsse der Wunsch vieler Rechtspopulisten utopisch bleiben, durch einen Nationalstaat zurück zu den alten Zeiten zu kommen, fernab des aktuellen Weltgeschehens mit Globalisierung und Digitalisierung, kriegerischen Konflikten und wirtschaftlichen Miseren.
Die Geschichte der Menschheit sei von Migration und Integration seit dem Altertum geprägt. Das zeige sich in Deutschlands jüngerer Geschichte nach 1945 mit den Flüchtlingen aus dem Osten als Folge des Zweiten Weltkrieges. Oder an den späteren Gastarbeitern der 60er Jahre sowie den Russlanddeutschen nach 1990, deren Integration man nicht als nicht gelungen bezeichnen könne.
Andreas Prell erklärte anhand der sogenannten „Kulturzwiebel“, wie vielschichtig die Kultur eines jeden Volkes ist. Angefangen von äußeren Symbolen wie dem kleinen türkischen Teeglas oder dem muslimischen Gebetsteppich über Helden des jeweiligen Volkes, Rituale bis zu Werten, Normen und Grundannahmen, mit denen man seit der Kindheit aufgewachsen ist. So zeige sich das Fremde, und Andere an der Oberfläche wie am Aussehen, Sprache, Musik, Festen Kleidung, Begrüßungsritualen, Gestik und Mimik. Doch darunter verborgen seien weniger greifbare Dinge wie Glaube, Gefühl, Überzeugungen, Bedürfnisse Beziehungen und Normen.
Wirklich interkulturell zu sein, Deutschland als modernes, weltoffenes Einwanderungsland zu verstehen, bedeute, die Gleichwertigkeit der Kulturen anzuerkennen, ohne die eigene aufzugeben oder Migranten zur Aufgabe ihrer Kultur zu zwingen. Das erfordere einen gegenseitigen Vertrauensvorschuss, Optimismus, Flexibilität und Lernbereitschaft von beiden Seiten. Abwehrnationalismus sei die falsche Antwort auf die Flüchtlingsfrage, die jetzt so viele Menschen beschäftige.
Bereits am 28. Februar wird Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe von der Diakonie Ostthüringen in der Geraer Talstraße 30 ein weiteres Seminar zu den Familienstrukturen im arabisch-islamischen Kulturraum angeboten.

Die Bilder zu unserer Veranstaltung wie immer in der Galerie oder per Direktlink hier.