Fragen an Kai Loth , Bereichsleiter Integration beim Jobcenter Gera

DSC 0041Zwei Jahre nach der Flüchtlingswelle hat nun der mühsame Weg der beruflichen Integration begonnen. Was ist seither passiert?
Aktuell betreuen wir im Agenturbezirk Altenburg –Gera rund 1 580 Kunden aus Fluchtländern. In Gera sind es gegenwärtig 590 arbeitslose Menschen aus Afghanistan, Eritrea, Irak und Syrien. Die Syrer stellen mit 360 Arbeitssuchenden die höchste Anzahl. Die Zahlen sind steigend, denn wir verzeichnen einen starken Zuzug aus dem ländlichen Bereich.

Wie stehen die Chancen, diese Menschen in Arbeit zu bringen?
Es läuft sehr viel bei uns, aber es ist nicht einfach. 1000 Kunden konnten wir seit 2016 in Sprachkurse vermitteln als Voraussetzung für jede Arbeit. 180 besuchten seitdem berufsorientierende Kurse bei verschiedenen Bildungsträgern. 150 nahmen an KompAS teil, einer Kombination aus Sprachunterricht und Praktikum, 110 Frauen und Männer erhielten eine Integrationsbegleitung, 50 durchliefen Praktika bei Arbeitgebern, 25 nahmen an Berufsvorbereitungen bei der Handwerkskammer teil und sechs Bildungsgutscheine wurden vergeben.

Und wie viele davon arbeiten inzwischen?
154 . Das ist noch eine kleine Zahl. Doch wir haben es mit Menschen aus Ländern zu tun, die eine Berufsausbildung wie bei uns überhaupt nicht kennen. Die Nachzertifizierung gestaltet sich schwierig. Bei uns bewerben sich Analphabeten um eine Arbeit ebenso wie Akademiker.
Diese unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen verlangen eine sehr individuelle Beratung und Begleitung.

Wie viele Mitarbeiter übernehmen diese Aufgabe?
Bei uns im Jobcenter gibt es sieben Vermittler im Leistungsbereich, zwei Sachbearbeiter, fünf Fachassistenten und zwei Sprachmittler, bei der Agentur kommen noch ein Vermittler, zwei Sprachmittler und ein Berufsberater dazu. Diese Kollegen versuchen sehr intensiv, eine passende Lösung für jeden Kunden zu finden, jeweilige Grundkompetenzen herauszufinden und ihnen sehr detailliert den Weg zur Arbeit über berufsbezogene Praktika, Bildung und Qualifizierung zu erläutern.

Es laufen viele Sprachkurse, dennoch sind die Ergebnisse bescheiden.
Das stimmt leider. Die Quote bestandener Sprachkurse liegt zwischen 40 und 50 Prozent.

Was ist die Ursache?
Die Klassen sind einfach zu groß und der Markt an Deutschlehrern für Ausländer ist leer gefegt. Dazu kommt, dass selbst bei bestandener B1- oder B2- Prüfung es bei vielen an elementaren Grundkenntnissen fehlt, weil sie entweder kaum eine oder nur eine kurze Schullaufbahn hatten. Unser Ziel ist deshalb noch eine Grundbeschulung in Deutsch, Mathematik, Chemie, Physik. Sonst ist auch die Gefahr, die Berufsausbildung nicht zu meistern hoch. Über die Bildungsträger werden Berufe im Pflegebereich vorgestellt, Zeitarbeitsbörsen präsentieren ihre Angebote. Geduldig werden bei Praktika in Handwerksbetrieben Flüchtlinge an einen möglichen späteren Handwerksberuf herangeführt. So stellen sich jungen Frauen und Männern, auch Migranten, am 23. September in der Bildungsstätte der Handwerkskammer für Ostthüringen in Gera- Aga 25 Handwerksberufe vor vom Anlagenmechaniker über Bäcker, Friseur bis Zimmerer.

Wie lernen und arbeiten denn die von Ihnen betreuten Migranten?
Es ist wie bei den Geraern auch, die Motivation unserer Kunden ist sehr unterschiedlich. So gibt es sehr bemühte, zielstrebige Frauen und Männer, die eine Familie zu ernähren haben und weiter kommen wollen. Sie sind dankbar für jede Hilfe. Manche jungen Leute mit hohem Anspruchsdenken kommen mit ihrer Halbtagsmentalität in unserer Leistungsgesellschaft nicht sehr weit. Sie müssen umdenken, sich an einen straffen Arbeitstag gewöhnen und auch gute Angebote aus dem Handwerk schätzen lernen.

Gibt es Besonderheiten bei den Migranten gegenüber hiesigen Arbeitssuchenden?
Ja, Deutschland erfüllt mit der Aufnahme von Flüchtlingen aus Krisen- und Kriegsgebieten eine zutiefst humanitäre Aufgabe. Das wird bei all der Diskussion über die Geflüchteten oft vergessen. Wir haben es hier auch mit stark traumatisierten Menschen zu tun, die Angehörige verloren, furchtbare Kriegserlebnisse und oft eine dramatische Flucht hinter sich haben. Hier fehlt es an Experten für die Traumabewältigung.

Wie lange, schätzen Sie, wird die Integration dauern?
Ausgehend von schwedischen Erfahrungen rechnen wir mit einem Zeitraum bis zu 15 Jahren. Es ist eine neue, langwierige Aufgabe für uns als Arbeitsvermittler, für die Bildungsträger und die Arbeitgeber. Doch mit der Aufnahme einer Arbeit, dem Kontakt mit deutschen Mitarbeitern, einem guten sozialen Umfeld kann die Integration gelingen.