Erfurt/Gera. „Die eigene Stimme der Migranten in Thüringen lauter, hörbarer machen“, dazu hatte Mirjam Kruppa, Beauftragte der Thüringer Landesregierung für Integration, Migration und Flüchtlinge mit einer Informationsveranstaltung zur „Migrantenselbstorganisation in Thüringen“ eingeladen. 75 Teilnehmer, Migranten, die bereits länger im Freistaat leben, neu dazu gekommene Geflüchtete sowie Ehrenamtliche unterschiedlichster Thüringer Hilfsorganisationen für Flüchtlinge waren am vergangenen Sonnabend , dem 29. Oktober ihrer Einladung nach Erfurt gefolgt. Darunter auch Mitglieder des Geraer Freundeskreises für Flüchtlinge mit ihrem Vereinsvorsitzenden Pastor Franz Beutel und dem 20-jährigen Asylbewerber Jafar Ahmadi aus Afghanistan. Er wollte sich hier Anregung holen für den Aufbau einer Fußballgemeinschaft junger Afghanen in Gera. Auch Agbor Besong, Vereinschef von Migration Integration Gemeinschaft Weida interessierte sich für Erfahrungen beim Aufbau von Migrantenselbstorganisationen.

Sozialforscherin und Soziologin Susanne Huth von der INBAS Sozialforschung GmbH aus Frankfurt am Main verwies in ihrem Vortrag auf das Entstehen erster Organisationen in den alten Bundesländern bereits in den 60er Jahren, die sich zum Teil zu unverzichtbaren Brückenbauern zwischen den Zugewanderten und der deutschen Bevölkerung, Ämtern und Behörden entwickelt hätten. Während der Anteil von Migrantenselbstorganisationen bundesweit etwa 20 Prozent betrage, mache er in Thüringen 4,9 Prozent aus. Die Befürchtung, so Susanne Huth, dass Migrantenselbstorganisationen der Integration abträglich seien, habe sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: „Hier ergeben sich neue Potentiale. Die Migranten können eigene Belange besser artikulieren, lernen dabei die Sprache und das Leben in Deutschland kennen, sie sind hilfreiche Multiplikatoren für die Neuankömmlinge bei Erziehung, Bildung, im Gesundheitswesen, fördern Kultur, Freizeit und Religionsausübung der Geflüchteten und bauen gleichzeitig Berührungsängste und Vorbehalte ab, die auf beiden Seiten, sowohl bei Migranten als auch bei den Ämtern immer noch bestehen.“ Hier sei das Bemühen spürbar, die Gesellschaft mit zu gestalten , Misstrauen und Missverständnisse auszuräumen .

Mirjam Kruppa informierte die Gäste über die Ehrenamtskoordinierungsstelle in ihrem Büro, welche die Gründung von Migrantenselbstorganisationen aktiv unterstützt. Am Beispiel des neugegründeten Vereins „Syrische Gemeinschaft Thüringen“ in Erfurt stellte Medine Yilmaz, eine der drei Ehrenamtskoordinatorinnen der Integrations-beauftragten, die Form einer möglichen Hilfestellung vor. So gab es dann auch zahlreiche Anfragen, wie eine Migrantenselbstorganisation in der Praxis aufgebaut werden und funktionieren könne. „Die Initiative dazu muss von den Migranten selbst kommen, wir geben nur Unterstützung“, so Kruppa. In Thüringen, dem Bundesland, das 42 000 verschiedene Vereine, aber bisher nur 30 Migrantenselbstorganisationen aufweist, stehe man erst am Anfang. Doch das Jahr 2015 habe gezeigt, dass bei der großen Zahl der ankommenden Flüchtlinge nicht nur ehrenamtliche Thüringer Helfer ihre humanistische Gesinnung tatkräftig unter Beweis gestellt haben, sondern auch hier lebende Migranten als unermüdliche Dolmetscher, Sprachmittler und Betreuer im Dienst waren und es bis heute sind. Das sei oft nicht so deutlich geworden. Dafür sprach die Integrationsbeauftragte ausdrücklich nochmals ihren Dank und tiefe Anerkennung aus.

Als Fazit dieser Zusammenkunft sagte Franz Beutel vom Geraer Freundeskreis für Flüchtlinge: „ Dieses Konzept der Migrantenselbstorganisation kann dem gefürchteten Entstehen von Parallelgesellschaften aktiv entgegenwirken und helfen, dass verschiedene Kulturen aufeinander zu gehen. In der Flüchtlingshilfe brauchen wir weiter mehr Wissen voneinander, von bestehenden und neuen Strukturen, eine engere Zusammenarbeit. Das war ein guter Beitrag dazu.“

Der junge Afghane Jafar Ahmadi weiß um das Dilemma junger Flüchtlinge, die ohne Beschäftigung sind und auf ihre Anerkennung warten: „Manche beginnen zu rauchen, probieren Drogen, rutschen ab in die Kriminalität. Über den Sport finden sie eine sinnvolle Beschäftigung, kommen auch mit deutschen Sportfreunden zusammen. Das will ich fördern.“ Jafar absolviert zur Zeit eine Ausbildung an der Staatlichen Berufsschule für Soziales in Gera als Sozialpädagoge.